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01. Schriftenreihe Baden-Württembergischer Handwerkstag: Konsequenzen aus PISA

02. Deutscher Schulpreis

03. Neues Schulgesetz in Schleswig-Holstein

04. Europäisches Jahr der Chancengleichheit

05. Endlich gemeinsam Lernen / Artikel aus Publik Forum

06. Schule mit Herz und Verstand / Otto Herz

 
 
01. Schriftenreihe Baden-Württembergischer Handwerkstag: Konsequenzen aus PISA

Bereits im Juli 2002 veröffentlichte der Handwerkstag in seiner Schriftenreihe eine Broschüre, die ein längeres gemeinsames Lernen befürwortet und die Abschaffung der Dreigliedrigkeit des bisherigen Schulsystems für notwendig hält. In der Broschüre heißt es:

"Ein weiterer Aspekt, der das dreigliedrige Schulsystem in Frage

stellt, ist die Tatsache, dass das Leistungsniveau der deutschen

Schüler im Vergleich zu anderen Ländern, die kein gegliedertes

System haben, wesentlich niedriger ist. In keinem

anderen Land sind die Lerngruppen so homogen wie in

Deutschland und trotzdem bringen sie weder Topleistungen

(Kompetenzstufe V) noch ein Gesamtergebnis auf hohem Niveau

bzw. unter den besten zehn hervor; selbst die besten

Bundesländer verharren allenfalls auf Durchschnittsniveau (vgl.

PISA-E). Im Gegenteil: Die starke Homogenität produziert

Schwierigkeiten im Umgang mit Unterschieden und Abweichungen.

Das selektive Schulsystem entlässt die Schulen aus

der Verantwortung, sich um schwierige und abweichende

Schüler zu kümmern. Wer nicht der Norm entspricht, den stigmatisiert

das System zum schlechten Schüler. Er wird vom

Gymnasium in die Realschule und von dort in die Hauptschule

und in die Förderschule weitergereicht. „Das Bestreben

die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler

möglichst homogen zu halten," wird in der PISA-Studie konstatiert

(ebd. S. 46) „hat in vielen Fällen, erhebliche Auswirkungen

auf deren Schullaufbahn. Der Anteil der Jugendlichen,

deren Schulkarriere glatt verlaufen ist, nimmt im Verlauf der

Schulzeit deutlich ab. ... Fasst man Rückläufer und Wiederholer

zusammen, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass mindestens

ein Drittel der in Deutschland erfassten Schülerinnen und

Schüler eine Schullaufbahn hinter sich hat, die durch Misserfolgserlebnisse

gekennzeichnet ist"

 

zum PISA-Positionspapier des BWHT:  http://www.handwerk-bw.de/PISA.545.0.html

 

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02. Deutscher Schulpreis
 

Mitte Dezember 2006  wurde der Deutsche Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung vergeben. Er ging an 6 Grundschulen, davon auch eine in NRW. Reinhard Kahl äußert seine Einstellung zum Schulpreis unter:

http://www.reinhardkahl.de/druckversion.php?id=171

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03. Neues Schulgesetz in Schleswig-Holstein

Die große Koaltion in Schleswig-Holstein hat im September 2006 ein neues Schulgesetz für das Bundesland verabschiedet. Darin wir flächendeckend die Einführung von Gemeinschaftsschulen geregelt. Nach Meinung der GEW bleiben jedoch die Gymnasien unangetastet und weiterhin exklusive Lehranstalten. In einer Stellungnahme der GEW heißt es:

"Der Entwurf des neuen Schulgesetzes ist nach dem Muster „Zwei rechts, zwei links"

gestrickt. Er stellt eine uneinheitliche Mischung aus fortschrittlichen Ideen und

konservativem Gedankengut dar. Die GEW kritisiert, dass viele der geplanten

Maßnahmen zu zusätzlichen Belastungen der Lehrkräfte führen werden bzw. dafür

notwendige Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt werden. Ferner tragen die

vorgesehene Arbeitszeitverlängerung und die geplanten Sparmaßnahmen der

Landesregierung nicht zur Motivation der Kolleginnen und Kollegen bei, sich für

bildungspolitische Reformvorhaben einzusetzen.

Von der Zielrichtung her sind die folgenden Ansätze zur Entwicklung eines modernen

Schulwesens positiv zu bewerten:

· das Primat der individuellen Förderung als pädagogischer Leitgedanke

· die Gemeinschaftsschule als Schritt in Richtung der EINEN SCHULE FÜR

ALLE

· der Inklusionsgedanke

· die Verpflichtung zur Teilnahme an geeigneten Maßnahmen zur Erweiterung

der Sprachkompetenz vor Aufnahme in die Schule

· die flexiblen Eingangs- und Ausgangsphasen der Primarstufe und der

Sekundarstufe I

· die Regionalisierung der beruflichen Bildung und Weiterbildung und die

Möglichkeit zur Schaffung von regionalen Berufsbildungszentren

Konterkariert werden diese Ansätze größtenteils durch das Beharren auf überholten

Strukturen in der Sekundarstufe I, deren negative pädagogische Wirkungen

inzwischen weltweit bekannt sind. Deutlich erkennbar sind Zugeständnisse an

konservative Bildungspolitiker, die behaupten „problembeladene" Kinder und

Jugendliche müssten in eigenen Schulen und Klassen zusammengefasst werden,

damit sie „begabtengerecht" gefördert werden könnten. Dieses ist wissenschaftlich

vielfach widerlegt worden und wird international scharf kritisiert.

Die GEW fordert die Überwindung der frühen Auslese. Kinder und Jugendliche sollen

wie in anderen Ländern bis zum Ende der Pflichtschulzeit gemeinsam miteinander

und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden. Die GEW unterstützt

daher die Bildung von Gemeinschaftsschulen, da sie dem Sinn einer SCHULE FÜR

ALLE nahe kommt. Sie bezweifelt aber, dass sich unter den gegenwärtigen

Rahmenbedingungen viele Gemeinschaftsschulen entwickeln werden."

 

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04. Europäisches Jahr der Chancengleichheit

2007 – Europäisches Jahr der Chancengleichheit für alle

Brüssel 01/06/2005. Die Europäische Kommission hat 2007 zum „Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle“ erklärt, im Rahmen eines konzertierten Konzepts zur Förderung von Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung in der EU. Das Europäische Jahr ist Herzstück einer Rahmenstrategie, mit der Diskriminierung wirksam bekämpft, die Vielfalt als positiver Wert vermittelt und Chancengleichheit für alle gefördert werden soll. Die Strategie ist in einer heute von der Europäischen Kommission angenommenen Mitteilung dargelegt.

Der EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit, Vladimír Špidla, sagt: “Europa muss sich um eine echte Gleichbehandlung im täglichen Leben bemühen. Das Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle und die Rahmenstrategie werden einen neuen Impuls für die Anstrengungen zur uneingeschränkten Anwendung der Antidiskriminierungsvorschriften der EU bringen, die bislang allzuoft behindert und verzögert wurde. Grundrechte, Nichtdiskriminierung und Chancengleichheit bleiben Schlüsselprioritäten der Europäischen Kommission.“

Die Kommission schlägt für das Europäische Jahr vier zentrale Themen vor:

  • Rechte – für das Recht auf Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung sensibilisieren;
  • Vertretung – eine Debatte über Möglichkeiten anregen, die Teilnahme an der Gesellschaft zu stärken;
  • Anerkennung – Vielfalt würdigen und berücksichtigen;
  • Respekt und Toleranz – eine Gesellschaft mit stärkerem Zusammenhalt fördern.

Die bereitgestellten Mittel in Höhe von 13,6 Mio. € decken vorbereitende Maßnahmen im Jahre 2006 sowie die verschiedenen Aktivitäten im Rahmen des Europäischen Jahres (2007) selbst ab.

Die Rahmenstrategie für Nichtdiskriminierung und Chancengleichheit für alle, die den Entwurf eines Beschlusses über das Europäische Jahr begleitet, soll sicherstellen, dass die Antidiskriminierungsbestimmungen der EU umfassend angewandt und durchgesetzt werden.

Der Europäische Gerichtshof hat vier Mitgliedstaaten (Österreich, Finnland, Deutschland und Luxemburg) wegen unzureichender Umsetzung der EU- Antidiskriminierungsvorschriften verurteilt. Die Strategie prüft auch, was die EU weiter tun kann, um Diskriminierung zu bekämpfen und Gleichheit zu fördern – über den rechtlichen Schutz des Rechts auf Gleichbehandlung hinaus.

Neben dem Europäischen Jahr werden in der Mitteilung unter anderem folgende neue Initiativen angekündigt:

  • eine Machbarkeitsstudie zu neuen Maßnahmen zur Ergänzung bestehender EG-Antidiskriminierungsvorschriften;
  • die Einsetzung einer hochrangigen Beratergruppe, die sich mit der sozialen Integration und Arbeitsmarktbeteiligung von Minderheiten – unter anderem der Roma – befassen soll.

Die Geschlechterdimension wird im Kontext des Europäischen Jahres und der Antidiskriminierungsstrategie ebenfalls behandelt. Dies ergänzt die spezifischen Bemühungen der EU zur Gleichstellung der Geschlechter und gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, einschließlich des vorgeschlagenen Gender Instituts und der Mitteilung zur Gleichstellung der Geschlechter, die für 2006 geplant ist.

Die Rahmenstrategie und das Europäische Jahr folgen auf eine umfassende öffentliche Konsultation im Jahre 2004 auf der Grundlage des Grünbuchs der Kommission „ Gleichstellung sowie Bekämpfung von Diskriminierungen in einer erweiterten Europäischen Union" .

Weitere Informationen : de en fr

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05. Endlich gemeinsam Lernen

 

aus:  Nr. 7 2007 13 Publik-Forum  http://www.publik-forum.de/

 

 

Endlich gemeinsam lernen

 

 

Die Mischung macht’s: Auch wenn die Kultusminister es nicht wahrhaben wollen, hat

UNO-Beobachter Vernor Munoz recht. Wir brauchen ein neues Schulsystem

 

 

Von Andrea Teupke

 

Alles wie gehabt: Die Befürworter des mehrgliedrigen Schulsystems

zeigen sich unbelehrbar. Es hat sie nicht beeindruckt, dass bei Pisa die Länder

am besten abgeschnitten haben, die konsequent auf gemeinsames Lernen setzen. Ihr

Vorurteil, in Deutschland sei erfolgreiches Lernen nur möglich, wenn Kinder »begabungsgerecht

« in homogene Gruppen sortiert werden, konnte auch die Grundschulstudie

Iglu nicht erschüttern.

Und wenn jetzt UNO-Menschenrechtsbeobachter Vernor Munoz darauf aufmerksam

macht, dass kaum ein Bildungssystem so selektiv, diskriminierend und sozial ungerecht

ist wie das deutsche, dann reagieren Kultusminister und Bildungspolitiker

beleidigt. Das Schulsystem, so die mantraartig wiederholte Formel, ist nicht veränderbar.

Bitte keine Strukturdebatte. Wieso eigentlich nicht? Warum nicht endlich den deutschen Sonderweg 

beenden und eine gemeinsame Schule für alle Kinder einrichten – so wie es weltweit üblich

ist? Weil damit die heilige Kuh der deutschen Bildungslandschaft angetastet

würde: das Gymnasium. Um dies zu verhindern, propagiert nun

der Aktionsrat Bildung ein zweigliedriges Schulsystem. Doch wenn dessen Vorsitzender

Dieter Lenzen argumentiert, das Gymnasium sei »schließlich die beliebteste

Schulform«, zeugt das von wenig geistiger Anstrengung. Mit derselben Logik ließe

sich behaupten, eine Suche nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen wäre unnötig,

weil die Gasheizung schließlich die beliebteste Heizmethode in Deutschland sei.

Das Gymnasium ist aus drei Gründen beliebt: Aus Sicht der Eltern ist es die Schulform,

die ihren Kindern die besten Chancen bietet. Wer es dorthin geschafft hat,

kann sicher sein, je nach Bundesland die Hälfte oder sogar zwei Drittel aller potenziellen

Konkurrenten um Ausbildungs-und Arbeitsplätze abgehängt zu haben. Eltern

müssten verrückt sein, würden sie diesen Wettbewerbsvorteil nicht nutzen.

Dazu kommen Vorteile, die nur hinter vorgehaltener Hand genannt werden: Man

bleibt unter sich. Gymnasien haben einen geringen Ausländeranteil, sie nehmen wenig

verhaltensauffällige und fast keine armen Kinder auf. Letztere hätten auch

Schwierigkeiten, die Nachhilfestunden zu bezahlen, die mittlerweile jeder vierte

Gymnasiast braucht.

Der dritte Grund, der auch nie offen ausgesprochen wird: Gymnasiallehrer unterrichten

nicht nur die Kinder der Besserverdienenden, sie werden selbst auch besser

bezahlt als andere Lehrer und haben vergleichsweise angenehme Arbeitsbedingungen.

So wäre es mehr als erstaunlich, würde etwa der Philologenverband für die

Einführung der Gemeinschaftsschule nach skandinavischem Muster eintreten.

Es gibt nur ein einziges pädagogisches Argument für ein mehrgliedriges Schulsystem:

Die begabungsgerechte Förderung, die in der »Einheitsschule«, so der Kampfbegriff

aller Gesamtschulgegner, nicht möglich sein soll. Die Vorstellung einer Schule für alle

Kinder, in der Schnelle und Langsame, Hochbegabte und Kinder mit Lernschwierigkeiten,

deutsche Arzttöchter und türkischstämmige Migrantensöhne gemeinsam

lernen sollen, ist vielen Deutschen fremd, vielleicht sogar unheimlich.

In den meisten Industrieländern ist dies jedoch alltägliche Praxis. So kennen weder

Norwegen noch Italien, weder Kanada noch Finnland Sonderschulen. In Deutschland

sind sie dagegen zum Auffangbecken für all diejenigen geworden, die nicht ins

Schema passen. Nirgends auf der Welt werden Kinder so früh und so rigoros getrennt

wie hierzulande – ohne dass die Erfolge das rechtfertigen würden.

 

 

Im Dezember vergangenen Jahres hat die Robert-Bosch-Stiftung gemeinsam mit der

Heidehof-Stiftung hervorragende – vielleicht sogar die besten – Schulen Deutschlands

ausgezeichnet. Unter 481 Bewerbern wurden 18 nominiert; fünf erhielten

schließlich den deutschen Schulpreis. Darunter war kein einziges Gymnasium.

Roman Rösch, Projektleiter bei der Robert-Bosch-Stiftung, will sich zur Gretchenfrage

»Wie hältst du es mit dem Schulsystem« nicht äußern. Doch gute Schulen,

und das ist seiner Auffassung nach unstrittig, seien Schulen, die individuell fördern –

und die Vielfalt nicht als Problem, sondern als Chance begreifen. Alle Preisträger habten

die »Heterogenität absichtlich erhöht«, etwa indem sie Kinder unterschiedlichen

Alters mischen oder Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichten.

Was scheinbar ein Nachteil ist, erweist sich in der Praxis als Vorteil. Sobald das

Dogma der gleichen Begabung aufgegeben wird, müssen die Schulen neue Lernformen

einführen. Der besonders im Gymnasium so beliebte »fragend-entwickelnde«

Frontalunterricht, wo alle 45 Minuten ein anderer Lehrer die Klasse durch geschickte

Fragen auf die vorher ausgelegte Fährte lockt, funktioniert dann nicht mehr – was

sich als Segen erweist.

Von heterogenen Gruppen profitierten dabei nicht nur die schwächeren, sondern

auch die leistungsstarken Schüler, sagt Anne Ratzki, Expertin für internationale Bildungssysteme.

Sie hat eine einleuchtende Erklärung für dieses auf den ersten Blick

verblüffende Phänomen: »Wenn ich etwas gelernt habe und es jemand anderem erklären

muss, verstehe ich es noch besser.« So begründet sie, warum das gemeinsame

Lernen etwa in Finnland oder Südtirol so erfolgreich ist.

Warum sind dann Gesamtschulen in Deutschland so unbeliebt? Tatsächlich, und

in diesem Punkt sind sich alle Befürworter einer Gemeinschaftsschule einig, war das

deutsche Modell bisher immer nur eine Notlösung.

Zum einen war es nie eine Schule für alle Kinder, sondern eine fünfte Schulform –

neben Gymnasium, Realschule, Hauptund Sonderschule. Zum andern gab und

gibt es keine entsprechende Aus- und Fortbildung für die Lehrer. »Wie lerne ich, heterogenen

Gruppen gerecht zu werden?«, fragt Jürgen Riekmann vom Landesvorstand

der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule in Hamburg. Kinder zu mischen

bringt wenig Nutzen, wenn die Lehrer mit der Vielfalt nicht umgehen können.

Zum Dritten haben die Kultusminister den Gesamtschulen das Kurssystem aufgezwungen.

Spätestens ab Stufe acht dürfen nicht mehr alle Fächer gemeinsam unterrichtet

werden. Damit ist der größte Nachteil des deutschen Schulsystems, die

Selektivität, in diese Schule hineingeholt worden, betont Anne Ratzki: »Innerhalb

der Gesamtschule müssen die Kinder immerwieder neu eingeteilt werden.«

Bildungsforscher kritisieren dennauch, dass die Abstiegsangst in Gesamtschulen

teilweise höher sei als in anderen weiterführenden Schulen. Die

Schulkultur jedoch – auch dies hat Pisa gezeigt– hat einen wesentlichen Einfluss auf

die Schülerleistungen. Wolfgang Melzer von der Technischen Universität Dresden

meint, die Schulkultur der Pisa-Gewinne sei durch »Unterstützung der Schüler« gekennzeichnet.

Deutschland dagegen gehöre zu den Ländern, in denen »Leistungsdruck

vorherrschendes Merkmal« ist. Eine gute Schule ist eine Schule, in der

Kinder sich wohlfühlen. Deshalb bekommt in Finnland jedes Kind – kostenlos – ein gutes

Mittagessen. Und deshalb legen die Schweden Wert auf eine ästhetische und ansprechende

Umgebung. Sie sprechen sogar vom Raum als dem »dritten Pädagogen« –

neben dem Mitschüler und dem Lehrer. In Deutschland dagegen, wo es passieren

kann, dass es zum Schuldach hineinregnet oder dass an den Wänden des Klassenzimmers

der Salpeter blüht, wurden gerade die Gesamtschulen der ersten Generation als

teilweise schon architektonisch furchterregende Lernfabriken errichtet: klotzig, vollklimatisiert,

und – so wird zumindest aus dem Frankfurter Umland berichtet – in

Einzelfällen angeblich sogar ohne Fenster. Die Gesamtschule war politisch nur

halbherzig gewollt. Gemessen daran ist siedennoch erfolgreich. Vorzeigeschulen wie

etwa die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden,die Staatliche Montessorischule Potsdam

oder die Max-Brauer-Schule in Hamburg können sich kaum retten vor Anmeldungen.

In Nordrhein-Westfalen mussten die Gesamtschulen im vergangenen Jahr

50 000 Schüler ablehnen, sagt Petra Frie, Geschäftsführerin des Landeselternrates

der Gesamtschulen. Dennoch werden in Nordrhein-Westfalen ebenso wie in Hessen

Neugründungen von Gesamtschulen massiv behindert, in Niedersachsen sind

sie gar per Schulgesetz verboten. Allen Beteuerungen der Politiker zum

Trotz spielt der Elternwille dabei keine Rolle. Bezeichnenderweise gibt es nicht

einmal eine repräsentative Umfrage, wie viele Bundesbürger überhaupt am gegliederten

Schulsystem festhalten wollen – oder ob ihnen vielleicht das skandinavische

Modell sympathischer wäre. Dabei gibt es die gemeinsame Schule

längst auch in Deutschland: die ersten vier Jahre lang. Sowohl Eltern als auch Kinder

sind mit der Grundschule signifikant zufriedener als mit der weiterführenden

Schule. Was also spricht dagegen, die Grundschulzeit zu verlängern? Schritt für

Schritt, alle zwei Jahre um eine Klassenstufe. In zehn Jahren wäre Deutschland dann

dort, wo die Pisa-Sieger heute schon sind: Bei der gemeinsamen Schule für alle

Kinder von Klasse eins bis neun.

 

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06. Schule mit Herz und Verstand / Otto Herz

„Schule mit Herz und Verstand“

 

Für Erziehung & Wissenschaft, Landesverbandszeitung der GEW Sachsen * April 2007

16. April 2007: inzwischen erschienen

   

E & W:            Otto, zu diesem Thema wirst Du am 29. April 2007 auf dem GEW-Bildungstag in Chemnitz zu den Kolleginnen und Kollegen sprechen. Ist das
auch Deine wichtigste Botschaft für die zukünftige Schulentwicklung hier in Sachsen?

  Die, die sich das Thema für mich ausgedacht haben, werden vermutlich schmunzelnd an meinen Namen und daran gedacht haben, dass ich mit Leidenschaft meinen Verstand zu gebrauchen versuche … - „Herz und Verstand“ – das spielt außerdem auf das Pestalozzi-Zitat an, das noch immer als Inbegriff Ganzheitlicher Bildung gilt: leben und lernen mit „Kopf, Herz und Hand“. Vor dem Hintergrund moderner Forschungen wissen wir: kognitives, affektives und psychomotorisches Lernen gehören zusammen, IQ und EQ sind zwei Seiten einer Medaille. Emotionen sind Triebkräfte für die Intelligenzentwicklung und die Intelligenz muss ethisch im Sinne von Humanität und Solidarität verwurzelt sein, sonst wird – wie wir in der Geschichte immer wieder leidvoll erfahren mussten – die „kalte Intelligenz“ zu einer gemein-gefährlichen Waffe. - Die Gute Schule hat drei Aufgaben: sie muss erstens ihren Beitrag leisten, das Zusammenleben Aller in einer Gesellschaft und zwischen allen Gesellschaften zu erlernen; das ist die gesellschaftlich bei weitem wichtigste Aufgabe; denn wo das Zusammenleben nicht gelernt und darum nicht gelebt wird, droht immerzu Krieg im Kleinen wie im Großen – und Krieg ist der Unverstand schlechthin; zweitens soll Lernen in der Schule als gute Erfahrung erlebt werden; denn nur dort, wo Lernen gute Erfahrung ist, werden Menschen bereit sein, ein Leben lang lernen zu wollen; wo Lernen schlechte Erfahrung ist, meiden – verständlicherweise – viele Menschen das Lernen; und drittens soll Schule möglichst Vielen zu möglichst viel intelligentem Wissen verhelfen; denn schon die Gegenwart und vor allem die ungewisse, gewiss aber hoch riskante Zukunft braucht viel, viel intelligentes Wissen von möglichst Allen. Intelligentes Wissen ist freilich etwas sehr anderes als gedächtnisschwere Stoffhuberei. – Und wer es nochmals kurz und knapp und schön altertümlich hören will: JA, gütiger Verstand und Herzens-Güte, das ist die Substanz einer zukunftsfähigen Lern-Kultur für die ganze Welt, die zu entfalten auch Sachsen keine Anstrengung scheuen sollte! 

 

E & W:             Das sächsische Schulsystem mit seiner vermeintlichen Zweigliedrigkeit nach der Grundschule wird inzwischen von einigen westlichen Bundesländern als Erfolgsmodell aufgegriffen. Machen diese Länder einen Schritt in die richtige Richtung oder begeben sie sich auf’s Glatteis?

  Das zweigliedrige Schulsystem war nach der Wende 1989 ein Westimport durch Personen, die wussten, dass die Hauptschule im Westen schon damals – trotz aller Aufwertungs-beschwörungsrituale – abgewirtschaftet hatte und die dem „gymnasialen Druck“ nachgaben. Wirklich zweigliedrig war das Schulsystem nie: denn die Förderschulen wurden einfach verschwiegen, was intellektuell unredlich und ethisch disqualifizierend war und ist. Dass in vielen Mittelschulen relativ bald Hauptschulzweige eingeführt wurden, pervertierte eine behauptete Zweigliedrigkeit außerdem. Dies nun vom Osten in den Westen zu re-importieren kann nur eines für sich in Anspruch nehmen: den Opportunismus, die gescheiterte Zergliederung des Schulsystems wieder einmal tarnen zu wollen unter demographischen Anpassungsnotwendigkeiten. Unter dem Anspruch der bestmöglichen Förderung Aller und dem Gebot des Lernens des Zusammenlebens Aller ist der Export einer real missratenen Zweigliedrigkeit falsch – oder positiv: wenn der Weg von der Viergliedrigkeit zur Zweigliedrigkeit als gebotener Fortschritt angesehen wird, warum dann nicht wirklich konsequent sein und noch einen Schritt weiter gehen und die in sich vielfältige Eingliedrigkeit als die Erfüllung ansehen?!

 

E & W:             Wenn Du das bescheidene Pflänzchen „Gemeinschaftsschule“
hier in Sachsen betrachtest, ist Dein Blick da eher optimistisch oder skeptisch?

  Der Großen Koalition fehlte wohl von Anfang an der Wille und die Kraft, Eine Schule für Alle auf den Weg zu bringen, sie zur Selbstverständlichkeit zu bringen, so wie das international längst der Standard ist.  Ihr fehlte der Wille und die Kraft, ideologiefrei gute schul-strukturelle DDR-Traditionen, die gibt es, wieder auf zu nehmen und mit ca. 30 Jahren westlicher Verspätung den Anschluss an die international erfolgreiche Integrative Schul-Entwicklung schaffen zu wollen. Die „Gemeinschaftsschule“ erschien mir in der Koalitionsvereinbarung von Anfang an als nicht viel mehr als ein „Trostpflaster“, das sich freilich ganz anders hätte entfalten können, wenn ein Minister an der Spitze stehen würde, der das gemeinsame Lernen aller auf individuellen Wegen tatsächlich gewollt hätte und wollen würde. Der derzeitige Minister missversteht sein Amt in der Weise, dass er sich als ein Gemeinschaftsschul-Verhinderungsminister darstellt. - Wer seinen Optimismus aber noch immer nicht aufgegeben hat, ich zähle mich dazu, dass auch im demokratisch verspäteten Deutschland die Einsicht wachsen kann, dass ein Lernen der Vielfalt in der Gemeinsamkeit das individuell und gesellschaftlich Gebotene ist, der engagiert sich natürlich – trotz alledem und alledem - für die „Gemeinschaftsschule“. Und unterstützt die kluge Basisbewegung vor Ort gegen die verhindernde Obrigkeit. Darum weise ich z. B. auf die Unterstützergruppe der TU-Dresden gerne und ausdrücklich hin: www.gemeinschaftsschule-sachsen.info. Wieder müssen wir gegen die verbietende und verhindernde Obrigkeit aufstehen und deutlich machen: „Wir sind das Volk!“  Und weil wir ein Volk sind, brauchen wir auch eine Schule! - Wobei alle wissen sollen, was „Gemeinschaftsschule“ im Westen seit den 50iger Jahren hieß: es war eine Schule, in die Katholiken und Protestanten, die bis dahin in konfessionell getrennte Schulen gingen, nun gemeinsam gehen sollten: in „christliche Gemeinschaftsschulen“. Auch das ist gut zu wissen: was heute niemand mehr als sinnvoll bezweifelt, eine Schule für alle Konfessionen, löste damals einen heute kaum noch vorstellbaren Kulturkampf aus …

  E & W:             Die GEW hat mit ihrer Initiative „Sachsens Zukunft – eine Schule
für alle!“ viele Verbündete gefunden, aber wenig Enthusiasmus bei den Lehrer/innen ausgelöst. Wo siehst Du hierfür die Ursachen?

  Wem die schon einmal gehabte „Eine Schule für (fast) alle“ zerschlagen wurde; wem in vielfältiger Weise Ent-Würdigung widerfahren ist; wer sich möglicherweise in prekären Beschäftigungsverhältnissen erlebt; wer sich viel zu wenig gesellschaftlich wert-geschätzt weiß: woher soll die und der ihren und seinen Enthusiasmus nehmen? Gerade weil ich den - gefährlichen! - Hang zur Gleichgültigkeit bis hin zu depressiven Haltungen analytisch verstehe, sage ich Euch, meinen pädagogischen Freundinnen und Freunden: Enthusiasmus ist der Nährboden der Pädagogik; aus Enthusiasmus sind die meisten von Euch Pädagoginnen und Pädagogen geworden; es geht Euch besser, wenn Ihr die Vision der Einen Schule für Alle wieder aufnehmt. „Newton ist tot, Einstein ist tot – und mir ist auch schon ganz schlecht“ ist kein vergnügliches Lebens-Motto. Lasst es uns darum lieber mit der Einsicht von Vaclav Havel halten: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht.“  - Pädagoge sein heißt: den Weg zum Besseren suchen und beschreiten. Wer diesen Weg definitiv nicht suchen und beschreiten will, wer spalten und nicht versöhnen will, der sollte sich wahrscheinlich tatsächlich nach anderen Tätigkeitsfelder umschauen …

  E & W:             Vor allem viele Kollegen an den Gymnasien stehen einem konsequent integrativen Schulsystem sehr skeptisch gegenüber, befürchten eine Benachteiligung ihrer jetzigen Schüler und auch eigenen Statusverlust.
Wie können wir ihnen diese Sorge nehmen?

Es ist meine Hoffnung im Havel’schen Sinne, dass die Kolleginnen und Kollegen sich selbst ihre Sorge nehmen, wenn sie sich klar machen: als der Adel nicht mehr nur unter sich bleiben konnte, hatte er Statusverlustängste, aber für die Gesellschaft insgesamt wurde es besser; als die Reichen nicht mehr nur unter sich bleiben konnten, hatten sie Reichtumsverlustängste, aber den Gesellschaften ging es insgesamt besser; als die Bürgerlichen nicht mehr nur unter sich bleiben konnten, hatten sie Statusverlustängste, aber die gesellschaftliche Bildung weitete sich aus; als die Konfessionen nicht mehr nur unter sich bleiben konnten, hatten sie Glaubensverlustängste, aber die Religionen konnten sich zu Frieden stiftenden Kräften entwickeln; als die Frauen und Männer nicht generell voneinander getrennt wurden, sondern lernten, Ko-Education zu leben, verschönerte sich das Leben; Hand-Werker, die entdecken, dass sie auch Potentiale als Kopf-Werker haben und Kopf-Werker, die entdecken, dass sie auch hand-werkliche Qualitäten besitzen, sie führen ein erfüllteres Leben; als Gesellschaften entdeckten, dass alle Menschen einzigartig sind, aber gleich-wertig, wurde die Demokratie geboren … -  In der Sprache der Systemtheorie heißt es: Systeme entwickeln zunächst vor allem Kräfte, um ein vorhandenes System gegen ein neues zu verteidigen. Gerade den Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien traue ich in ihrem intellektuellen Anspruch und in intellektueller Redlichkeit zu, dass sie zu den Gestaltungsträgern für ein Integratives Schul-System werden, wenn sie sich bewusst machen: so werden wir zur pädagogischen und gesellschaftlichen Vorhut und bleiben nicht die ressentimentgeladene Nachhut. Es ist ein generell gültiges ethisches Prinzip: wenn etwas wirklich gut ist, darf es niemandem vorenthalten werden. Wenn also die Lehrerinnen und Lehrer vom sachlichen Wert des Gymnasiums wirklich überzeugt sind, wenn sie sich nicht darauf zurückziehen, wir sind eben für die Erzeugung von Klassen-Unterschieden, dann müssen sie das Gymnasium öffnen für alle. Wahrscheinlich ist das der Weg, wie in Deutschland die eine Schule für alle zustande kommt. Wobei klar ist: ein Gymnasium für alle wandelt sich in sich, bietet ein breites Lernangebot an und pflegt eine Kultur des individuellen Lernens in einer verlässlichen Gemeinsamkeit. Dieses Gesamt-Gymnasium neuer Art, diese Gemeinschaftsschule fördert alle, es übernimmt Verantwortung für alle, es selektiert immer weniger und integriert immer mehr.

E & W:             Wie lautet Deine Prognose für Sachsen:
haben wir hier gute Chancen für den Wandel zu einem integrativen Schulsystem?

Die internationalen Erkenntnisse und Ergebnisse von erfolgreichen PISA-Ländern und der Rückgang der Schülerzahlen sprechen nur für eines: für die Gemeinsame Schule für Alle, wohnortnah, ein Kulturelles Zentrum im Gemeinwesen im Dienste des Gemeinwohls.

Geht Sachsen - wie auch die anderen Bundesländer - diesen Schritt nicht: behutsam aber entschieden, kontinuierlich und konsequent, der Einzelschule viele Freiheiten lassend, aber klar und verbindlich im Ziel, in einer Verantwortungsgemeinschaft von Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern, den Professionellen Pädagogen und Partnern im Gemeinwesen, dann gilt mit Heinrich Heine wieder und immer noch: „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ – Weil ich in der Nacht gerne gut schlafe, weil ich bei Tage mit Vaclav Havel hoffen möchte, darum freue ich mich auf den Bildungstag in Chemnitz und werde werben für die Eine Schule für Alle  - MIT HERZ UND VERSTAND!

 

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